Andreas Schelske:
Flow als unternehmerischer Weg der leeren Hand

Menschen als auch Unternehmen können sich in dem Zustand des Flows befinden. So erfährt jeder Mensch einen Flow, wenn er in seiner Tätigkeit des Musizierens, des Tanzens, des Schachspielens, des Motorradfahrens oder der Kampfkunst wie z.B. Karate quasi aufgeht. Im Flow begeben sich Menschen in einen optimalen Tätigkeitszustand, der sie weder über- noch unterfordert. Im Handwerk hätte man gesagt, die Arbeit ginge einem wie von selbst von der Hand. Im Sinne der Psychologie von Mihaly Csikszentmihalyi meint Flow einen Tätigkeitsrausch. Dieser Rausch des Flows entzieht sich aller Planbarkeit. Wer in ihm ist, merkt erst später, dass er im Flow war. Im Rausch des Flow spüren wir keinen Widerstand. Die Wirklichkeit im Tätigkeitsrausch ist eine, auf der wir quasi surfen, ohne konkret fassen zu können, warum alles auf der jeweiligen Welle so gut läuft.

Im gewissen Sinne spielt die Wirklichkeit für diejenigen, die im Flow sind, keine Rolle. Dieser rauschhafte Umstand des optimalen Tätigkeitszustandes lässt den Flow in der deutschen Kultur zugleich gefährlich als auch erstrebenswert erscheinen. Denn in unserer Kultur organisieren wir unsere Realität über den Widerstand. Etwas ist beispielsweise hart, weil wir uns daran stoßen. Die Härte eines Widerstandes kann auch im Kontext eines Marktes gedacht werden. Beispielsweise gingen ehemals prosperierende Unternehmen der New Economy in den Konkurs, weil sie wie Napster, die Netzeitung, oder Happy Digits nur viele Konsumenten, aber keine zahlungskräftigen Kunden hatten. Die Unerbittlichkeit des Marktes sowie jeder andere harte Widerstand ist immer eine Überforderung, die wir nicht durchdringen können – wir nennen sie unsere Wirklichkeit. Diese harte Wirklichkeit vergessen Flow-Unerfahrene vollständig. Daher ängstigen sich Unerfahrene vor dem Flow, sobald sie Gefahr laufen die Wirklichkeit nicht mehr als harten Widerstand in der Hand zu haben, sondern nur noch als ein gutes Gefühl zu erfahren. Wenn die Wirklichkeit uns während einer Tätigkeit widerstandslos vorkommt, dann laufen die Dinge für Menschen und Unternehmen derart gut, dass der Erlebensfluss am besten nicht aufhören sollte. Gefährlich wird es immer dann, wenn uns die Wirklichkeitseinschätzung im Flow vollständig abhanden kommt und uns ein Crash zur Besinnung zwingt.

Eines der weltweit wichtigsten Unternehmen befindet sich gegenwärtig im optimalen Flow und macht seinen Beobachtern durchaus Angst. Es ist das soziale Netzwerk „Facebook“. Ohne ein kostendeckendes Geschäftsmodell nimmt Facebook keine Rücksicht auf die harte Wirklichkeit des Marktes, sondern nimmt in seinem Expansionsrausch millionenweise Mitglieder auf. Gegenwärtig beheimatet das soziale Netzwerk mehr als 400 Millionen registrierte Nutzer und ist damit vor den USA und hinter China sowie Indien auf Platz 3 der bevölkerungsreichsten Kulturnationen der Welt. Mit nichts in der Hand zerschlägt Mark Zuckerberg etwas, was insbesondere in Deutschland ein hohes Kulturgut war, indem er nicht behauptet, die Privatsphäre des Individuums sei nicht mehr zeitgemäß, sondern indem er global offensichtlich werden lässt, dass 400 Millionen rauschhaft ihre persönlichsten Botschaften einem Weltpublikum zwecks der Anteilnahme anbieten. Im Facebook treten Mitglieder als Sendeunternehmen auf, um ihr Publikum von durchschnittlich 120 kommunikativen Gefährten zu bespielen.

Man könnte meinen, dass Mark Zuckerberg sich auf die Kampfkunst der „leeren Hand“, d.h. Karate, versteht. So wie Zuckerberg es mit Facebook vorführt, kanalisiert er die Energie, die von anderen kommt, wandelt sie in seine Kulturform um, und schlägt sie mit Wucht in eine Herzensangelegenheit des alten Europas zurück, die Privatsphäre. Ob der Erfolgsrausch von Facebook einen positiven Fortgang nimmt, wird sich daran zeigen, wie Facebook einerseits mit der Schwäche seiner Nutzer, d.h. dem Selbstdarstellungsdrang, und andererseits mit der Stärke seiner Nutzer, d.h. ihre kollektive Macht, umgehen wird. Bisher schmiegt sich Facebook an seinen Markt an, indem ganz im Sinne der Kampfkunst kein erster Angriff auf die Daten und die Privatsphäre der Nutzer unternommen wird.

In seinem Flow scheint Zuckerberg noch eine andere wichtige Regel von Gichin Funakoshi, dem 1957 verstorbenen, japanischen Karatemeister zu beachten. Sie lautet: „Denke nicht ans Gewinnen, sondern ans Nicht-Verlieren.“ Würde Zuckerberg fortwährend sich vor Augen halten, dass er bis heute über kein langfristig tragfähiges Geschäftsmodell verfügt, würde er sich unweigerlich selbst zum jetzigen Zeitpunkt eine Niederlage beibringen. In der Perspektive traditioneller Hau-Drauf-Marktstrategen, die allenfalls ein grobschlächtiges Gegenwehrkonzept denken können, hätte Zuckerberg längst seinen Bankrott anmelden müssen. Stattdessen gibt Zuckerberg freimütig bekannt, er wolle nicht gewinnen, sondern den Flow des Unternehmens nutzen und erst in drei Jahren über ein optimales Geschäftsmodell der schwarzen Zahlen nachdenken. Es ist verwunderlich, aber offenbar scheint Zuckerberg die Geistesschulung wichtiger als die traditionellen Marktmechanismen zu sein, um den Flow des Unternehmens nicht zu unterbrechen und ohne den Widerstand der monetären Wirklichkeit zu expandieren.

Die Geistesschulung mit dem reizvollen, aber auch gefährlichen Flow umzugehen, bietet Facebook auch seinen Fans mit dem Onlinespiel FarmVille an. Mittlerweile nutzen 74 Millionen Spieler das Aufbau- oder Wirtschaftssimulationsspiel, indem sie zum Spaß ohne persönlichen Nutzen eine Farm mit Feldern, Tieren und Häusern wie ein Tamagotchi beackern können. Das Spiel bietet ganz im Sinne der „leeren Hand“ kein Ziel, sondern ist darauf ausgerichtet, im unwahrscheinlichen Fall die Nutzer darin zu unterweisen, sich selbst zu erkennen, indem sie sich fragen könnten, was sie in dem Spiel überhaupt tun. Verstehen Spieler diese Unterweisung nicht und geraten in den Flow des Spiels, dann kann auch hier das Realitätskonzept in Mitleidenschaft geraten, indem sie im Spielrausch mit harten US-Dollars oder per Kreditkarte für ihren Flow so lange bezahlen müssen, bis der monetäre Crash erreicht ist.

Die interne und externe Wirklichkeit organisiert in fast jedem Unternehmen das Controlling, welches über Gewinn und Verlust Auskunft gibt. Ist das Unternehmen so verschuldet wie Griechenland, verliert es seinen Flow und sieht sich mit den vollständig vergessenen Tatsachen konfrontiert. Unternehmen die im Flow sind, orientieren sich nicht an Tatsachen, sondern sie orientieren sich an dem Glückserlebnis sich selbst nicht schmerzlich zu spüren. Aus diesem Grund ist der Flow so gefährlich, denn derjenige der sich nicht spürt, der läuft Gefahr die Kontrolle über sich zu verlieren. Die Kunst des Flow Control heißt deshalb einerseits keine Widerstände zu spüren und andererseits nicht die Kontrolle über sich zu verlieren. Im Flow müssen die Gelenke des Unternehmens soviel Platz bieten, dass der Wind durch ihre Zwischenräume hindurchwehen kann. So spüren nur die Sensiblen, wie z.B. olympische Schlittschuhläufer, den unterschiedlichen Luftwiderstand auf 2000 Meter Höhe und Normalnull. Und nur der Laie meint, Schlittschuhläufer gleiten auf dem Eis, doch der Involvierte weiß um den hauchdünnen, geschmolzenen Wasserfilm, auf dem Schlittschuh-Schnellläufer nahezu widerstandslos in Orientierung an sich selbst dahin rasen.

So wie der Schlittschuh nicht jedem zeigt, wie er seine reibungslose Schnelligkeit erreicht, ebenso ist nicht von jedem zu sehen, wenn in leeren Händen viel des Nichts getragen wird. Ein solches Nichts bietet keinen Widerstand und damit für viele Europäer – Sartre ausgenommen – auch keine Realität. Doch Facebook zeigt Europa, wie ein Unternehmen als mutmaßlicher Schaumschläger mit Nichts in der Hand viel Wind machen kann ohne sofort abzustürzen. Desgleichen führt Google vor, wie dessen Unternehmungen zum einen mit dem Respekt des Widerstands sowohl beginnen als auch enden, und sich zum anderen in einem Geschäftigkeitsrausch weder über- noch unterfordern. So hat der Flow als unternehmerischer Weg der leeren Hand ganz im Sinne von Funakoshi weder Beginn noch Ende. Der Flow des optimalen Unternehmens ist seine nachhaltige Vergesellschaftung ohne den harten Widerstand der menschlichen Sterblichkeit.

Prof. Dr. Andreas Schelske ist Gründer des Unternehmens 4communication – Soziologische Beratung und lehrt an der Fachhochschule Wilhelmshaven/ Oldenburg/ Elsfleth im Studienbereich Kommunikationswissensschaften und Public Relations.

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