Douglas Rushkoff
“Du sollst nicht immer online sein.”

Das aktuelle Projekt, an dem Sie arbeiten, hat den Titel “Program or be programmed.”(Programmiere, sonst wirst du selbst programmiert.) Worum geht es darin?

Immer wenn ein neues Medium aufkam erlernten Menschen beide Seiten dieses Mediums. Mit der Sprache lernten wir, nicht nur zu hören, sondern auch zu sprechen. Mit der Schrift lernten wir nicht nur zu lesen, sondern auch zu schreiben. Heute gibt es das Programmieren, aber die meisten lernen nur, Programme zu benutzen und nicht selbst zu programmieren. Wenn wir die Kontrolle über diese Programme abgeben, werden wir selbst programmierbar. Mein Buch zeigt, wie wichtig es ist, die Tools, die man benutzt, auch zu verstehen. Zu verstehen, dass jede Internetseite von jemand zu einem ganz bestimmten Zweck entwickelt worden ist. Es ist ein sehr einfaches Buch, denn ich lege ganz klar fest, was man tun sollte und was nicht. Es besteht aus zehn Geboten für ein digitales Zeitalter. Das letzte ist das wichtigste: „Programmiere, sonst wirst du selbst programmiert“.

Welche Regeln stellen Sie noch auf?

Digitale Medien unterliegen sehr starken Tendenzen oder Verzerrungen. Es gibt zum Beispiel eine bestimmte zeitliche Verzerrung. Diese Tools funktionieren nicht nach unserer Zeitvorstellung. Sie unterliegen ebenso räumlichen Verzerrungen – digitale Medien begünstigen weite Entfernungen gegenüber kurzen. Außerdem verlangen digitale Medien immer eindeutige „Entscheidungen“, es  gibt keine Zwischentöne. Sie tendieren dazu, Komplexität zu reduzieren. [...] Das Internet ist eher auf Kontakt als auf Inhalt ausgerichtet. Auf Fakten und nicht auf Geschichten. Und auf eine falsche Art von Offenheit. Es scheint, als wäre alles offen, aber in Wahrheit steht nur für Google alles offen. Schließlich sind die Medien auf diejenigen ausgerichtet, die programmieren können und benachteiligen diejenigen, die es nicht können.

[Anmerkung: Für eine die vollständige Liste mit Rushkoffs zehn Geboten, klicken Sie hier.]

Ihr erstes Gebot lautet: “Du sollst nicht ständig online sein.” Haben wir denn überhaupt noch eine Wahl?

Allein, dass Sie meinen, man hätte keine Wahl, ist beängstigend! Aber man muss nicht immer online sein. Für das Nervensystem ist das sogar gar nicht gut. Technologien erlauben uns, besser zu filtern. Ich kann mein Telefon so einstellen, dass es nur klingelt, wenn meine Frau anruft. Aber dann bin ich nicht die ganze Zeit „online“. Dank iPad oder 3G-Modem ständig online zu sein, genießt heute noch einen hohen Status. Ich bin überzeugt, dass sich dies umkehren wird. Erinnern Sie sich an Pager? Wer hatte so etwas? Handwerker! Immer erreichbar sein zu müssen wird als Nachteil betrachtet werden. Als Luxus wird gelten, nicht online sein zu müssen. Natürlich ist ein Computer, der nicht vernetzt ist, nicht mehr brauchbar. Aber das ist etwas völlig anderes. Es ist ein Unterschied, ob Ihr Computer die ganze Zeit online ist oder ob Sie selbst es sind.

Können wir uns diese Verzerrungen nicht auch zunutze machen?

Darauf möchte ich hinaus. Jede dieser Verzerrungen kann Sie unterstützen oder auch nicht. Sie sind dann in der Lage zu entscheiden, ob Sie online oder offline sein möchten. Sie werden auch verstehen, dass das Internet für die Kommunikation über große Distanzen durchaus förderlich ist, aber eben nicht für die persönliche, direkte Kommunikation. Oder denken Sie an die Komplexität! Wenn ich mir bewusst bin, dass das Internet Komplexität verringert, dann nutze ich es auch nur für einfache und schnelle Antworten und nicht für Themen, mit denen ich mich tiefgehender auseinandersetzen möchte. Wenn man sich dieser Effekte bewusst ist, kann man das Medium angemessen einsetzen, sodass es mir als Mensch dient – und nicht nur als Verbraucher.

Sie sagen also nicht, dass man digitale Medien einfach meiden sollte.

Nein, aber ich sehe es kritisch, wenn Menschen es auf unbedachte Art und Weise nutzen. Man sollte verstehen, wie die Schnittstellen funktionieren und welches Verhalten sie von einem verlangen. Diese sind nicht naturgegeben, sondern von Menschen und Unternehmen entwickelt worden, die damit Geld verdienen wollen. Einige der hervorgerufenen Verhaltensweisen dienen diesen Unternehmen und einige entstehen rein zufällig. Niemand hat sie erdacht, es gibt sie einfach. Wenn man die Regeln der Welt, in der man lebt, nicht versteht, dann fällt es schwer, erfolgreich an ihr teilzuhaben.

Viele bewundern die jüngeren Generationen, weil die Nutzung digitaler Medien für sie selbstverständlich ist.

Gerade junge Menschen haben eine weniger durchdachte und differenzierte Einstellung zu ihrer Online-Identität. Sie scheinen die Konsequenzen ihrer Handlungen nicht zu begreifen. Sie können nicht so gut zwischen Realität und Virtualität unterscheiden. Viele sagen: „Das liegt doch nur daran, dass sie offener sind und bereitwilliger etwas von sich hergeben.“ Aber wenn man mit Jugendlichen darüber spricht, was da vor sich geht, sind sie entsetzt und ändern ihr Verhalten.

Können Sie uns ein solch erschreckendes Beispiel geben?

Alles was sie schreiben, bleibt für immer im Netz. Es gibt keine lokale Identität mehr, nur noch eine internationale. Es gibt keine Nachbarschaft, in die man umziehen kann, keine soziale Gruppe, der man sich anschließen kann, um vor dem zu fliehen, was gerade geschehen ist. Die Fähigkeit, als junger Mensch experimentieren zu können, ist nicht mehr vorhanden. Man kann die Unfähigkeit der Jugendlichen, die Kontrolle über ihre Privatsphäre im Internet zu bewahren, als eine Art Vorwarnung vor einer Zukunft betrachten, in der wir alle sowieso alles über jeden anderen wissen. Das macht sie einerseits fortschrittlicher. Aber sie experimentieren eher unbewusst als bewusst damit. Das macht es weniger wirkungsvoll als es sein könnte.

Wer ist für diese Art von Medienkompetenz verantwortlich?

Im Moment ich selbst. Nach mir werden es hoffentlich Lehrer und Schulen sein. So wie wir gelernt haben, zu lesen und zu schreiben, müssen wir jetzt lernen, uns in diesem neuen Umfeld zurechtzufinden. Das ist eine Fähigkeit für das Leben.

In Ihrem letzten Buch “Life Inc.” beschäftigen Sie sich mit der Kommerzialisierung unseres Lebens. Welche Parallelen sehen Sie zu Ihrer aktuellen Arbeit?

Beiden haben die gleiche Botschaft, die Programme, mit denen man lebt, zu verstehen. „Life Inc.“ beschäftigt sich mit der Schaffung einer zentralen Währung und dem „Unternehmen“. Beide wurden geschaffen, um den Zugang zu Kapital zu monopolisieren und um normale Menschen davon abzuhalten, für sich und untereinander Geschäfte zu machen. Wenn man das versteht, kann man diese Fähigkeit, wieder erlangen. Im Moment „machen“ die meisten Menschen nichts und arbeiten für Konzerne, die wiederum nichts „machen“. Sie haben keinerlei Kompetenzen. Aber die meisten Menschen können sehr wohl Werte schaffen, sie können selbst Sachen machen und das sogar genießen.

Geht es also auch darum, wie man glücklicher wird?

Darüber habe ich vor längerem in “Get back in the box” geschrieben. Es geht darum, dass es Spaß macht, eine Kultur zu schaffen, in der es auf Kompetenz ankommt. Wenn man in etwas wirklich gut ist und mit der Zeit immer besser werden möchte, und wenn man Teil einer Kultur ist, die das wertschätzt, geht es jedem gut – auch dem Unternehmen. Man braucht dann keine Belohnungen von außen. Man erlangt mehr Kontrolle über das, was man als nächstes macht. Schließlich wird man Teil des kreativen Kerns seines Bereichs. […] Die “Moderne” ist von der Industrialisierung geprägt. Industrialisierung bedeutet, den Arbeiter von seinen Fähigkeiten zu entfremden. Aber das funktioniert nicht mehr. Die Rendite stimmt nicht mehr, weder in Bezug auf die menschliche Zufriedenheit noch in Bezug auf Geld.

Und was wäre der nächste Schritt?

Eine Kultur, die von Wissen, Lernen und Erkenntnis geprägt ist. Eigentlich nur eine Rückkehr zur eigenen Kompetenz. Es geht darum zu lernen, wie man Dinge selbst macht.

Das Interview führte Maria Angerer

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