Jimmy Wales gewinnt im nächsten Jahr den Gottlieb-Duttweiler-Preis.
Im Interview mit der Handelszeitung spricht er über seinen Reichtum, seine Vision des universellen Wissens, die Zensur in China und die Zukunft des Internets.

Das Interview erschien in der Handelszeitung Nr. 46 vom 17. November 2010 und wurde geführt von Pascal Ihle und Stefan Eislein

Der Gründer des Online- Lexikons Wikipedia über seinen Reichtum, seine Vision des universellen Wissens, die Zensur in China, die Zukunft des Internets – und das Potenzial der Zulu.

Sie stehen auf gleicher Stufe wie Václav Havel und Kofi Anan.
Jimmy Wales: Das kann ich mir nicht vorstellen.

Doch, Sie gewinnen nächstes Jahr den Gottlieb-Duttweiler-Preis wie die beiden vor Ihnen.
Wales: Das ist wunderbar.

Und Sie werden 100 000 Franken Preisgeld erhalten.
Wales: Schön.

Mit all diesen Preisen und Auftritten wie jüngst am Swiss Innovation Forum in Basel müssen Sie ein reicher Mann sein.
Wales (lacht): Nicht wirklich. Ich lebe sehr gut, das stimmt. Aber ich bin kein Milliardär. Ich bin sehr glücklich, dass ich finanziell unabhängig bin und mich voll auf Wikipedia konzentrieren kann.

Bevor Sie Wikipedia ins Leben riefen, waren Sie Börsenhändler.
Wales: Damit habe ich genug Geld verdient, damit meine Familie und ich davon leben können. Ich kann mir keine bessere Lebenssituation vorstellen. Was ich mache, ist wirklich cool und macht riesig Spass.

Vor zehn Jahren waren Sie noch vom Geld getrieben.
Wales: Das ist nun mal der Job eines Traders. Manchmal haben Leute das Gefühl, dass Wikipedia als Non-Profit-Organisation eine antikapitalistische Grundhaltung habe. Das ist falsch. Ich habe überhaupt nichts gegen das Geldverdienen.
Das ist doch gut – aber nicht das Wichtigste im Leben.

Was ist denn das Wichtigste?
Wales: Für mich die Vision, dass jeder Mensch auf diesem Planeten freien Zugang zu einer Enzyklopädie haben sollte.

Visionen und ein inneres Feuer haben andere Internetpioniere auch. Mit einem grossen Unterschied: Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg und die Google-Pioniere Larry Page und Sergey Brin sind Milliardäre – Sie nicht. Das muss doch frustrierend sein.
Wales: Nein, nein, überhaupt nicht! Was ist denn die Beziehung zwischen Geld und Glück? Sobald Sie genügend Geld zur Verfügung haben und sich nicht mehr um Ihre Rechnungen kümmern müssen, macht Sie zusätzliches Geld nicht zusätzlich glücklich.

Was macht Sie glücklich?
Wales: Etwas Sinnvolles machen zu können. Viele Internetpioniere sind nicht wegen ihres Geldes glücklich, sondern weil sie etwas tun, das sie lieben.

Hand aufs Herz: Wenn Sie nochmals beginnen könnten, was würden Sie anders machen?
Wales: Nichts. Wikipedia ist mittlerweile für so viele Menschen so wichtig geworden – namentlich in den Entwicklungsländern. Vom Zustand des Nichtinformiertseins gelangen sie über einen Internetzugang und einen Fingerklick in eine Welt voller Informationen. Ich bin ein kleines Rädchen in diesem Prozess, und das finde ich unglaublich.

Sie sehen sich in einer Linie mit den grossen französischen Aufklärern und Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts Diderot und D?Alembert.
Wales: Meine ganze Arbeit ist eine Fortsetzung des jahrtausendealten Traums der Menschheit, Wissen aufzubereiten und für alle verfügbar zu machen. Die französischen Enzyklopädisten wollten die Welt verändern – das will ich auch.

Sie fühlen sich als Revolutionär.
Wales: Was wir in unserer Welt dringend brauchen, sind vielmehr Menschen, die rational denken und argumentieren. In einem Teil der Welt, der von Kriegen, Diktaturen und anderen Unsicherheiten heimgesucht wird, ist der Zugang zu freier Information sehr eingeschränkt. Mein Anliegen ist es, neutrales Wissen zur Verfügung zu stellen.

Neutrales Wissen kommt nicht überall gut an. In China wurde Wikipedia verboten.
Wales: Wir waren drei Jahre lang blockiert. Kurz vor den Olympischen Sommerspielen von 2008 wurde eine Reihe von Webseiten wieder zugelassen, darunter Wikipedia.

Und jetzt erscheinen in China wieder Wikipedia-Artikel über Tibet?
Wales: Ich traf mich einige Male mit Mitarbeitern aus Ministerien – in Peking wie in San Francisco. Wir haben viel und freundlich miteinander gesprochen. Doch habe ich klargemacht, dass wir keine Kompromisse schliessen.

Also keine Zensur zulassen.
Wales: Wir lassen keine Zensur zu. Gewisse Seiten werden in China nach wie vor gefiltert, das ist uns schon bewusst. Doch die Situation hat sich stark verbessert. Ich gehe nicht davon aus, dass die chinesischen Behörden die Wikipedia-Webseite wieder blockieren werden.

Gleichwohl ist die Zensur für Wikipedia eine Belastung.
Wales: Nein, für uns ist das ziemlich einfach. Wir haben den Grundsatz, dass freie Meinungsäusserung ein Menschenrecht ist. Deshalb werden wir die Zensur nie anwenden.

Auch nicht, um die Webseite in China am Leben zu erhalten.
Wales: Auch dann nicht. Würde Peking diesbezüglich Forderungen an uns stellen, dann wäre meine Antwort klar: Sorry, da machen wir nicht mit.

Welches ist der Stellenwert von Wikipedia in China?
Wales: Wir haben rund 300000 Einträge. In China rangiert unsere Webseite auf Platz 50. Bei einem Treffen sagte ich dem zuständigen Minister, Wikipedia habe noch viel Aufholpotenzial, denn in den meisten Ländern gehöre die Webseite zu den beliebtesten. Da antwortete der Minister: In China gebe es rund 2 Millionen Webseiten. Rang 50 sei doch nicht schlecht.

Haben Sie Pläne, News und freie Informationen zu verbreiten?
Wales: Es gibt bereits die Plattform Wikia, auf der andere Arten von Informationen wie Kochrezepte oder Unterhaltung verbreitet werden.

Den Journalismus wollen Sie nicht konkurrenzieren, so wie Google News?
Wales: Nein, das ist nicht unser Ehrgeiz. Gäbe es einen Wettbewerb zwischen den Verlagshäusern und Wikipedia, dann hätten wir diesen schon längst gewonnen: Wikipedia hat weit mehr Leser als die zwanzig grössten Zeitungen der Welt. Doch die News des Tages sind nicht unser Kerngeschäft.

Wikipedia ist jedes Jahr von Neuem auf Spender angewiesen. Ist dies nicht ein wackliges Businessmodell?
Wales: Es ist schon eine Herausforderung, die wir sehr ernst nehmen. Doch wir kriegen das Geld. Jeweils auf das Jahresende hin machen wir auf unserer Webseite grosse Spendenaufrufe, und die Leute zahlen ein. Grossmehrheitlich sind es Spenden von 35 Dollar.

Wie gross ist das Wikipedia-Budget für 2011?
Wales: Es beträgt 20,4 Millionen Dollar. Da wir jeden Monat 400 Millionen Besucher haben, ist es nicht so schwierig, das Geld zusammenzubringen. Aber eine Selbstverständlichkeit ist es nicht.

Wie sieht es mit grossen Spenden aus?
Wales: Google gab uns letztes Jahr 2 Millionen Dollar.

Nur einmal?
Wales: Bisher ja. Doch Sie können mir glauben, ich werde dieses Jahr nachfragen. Eine solche Spende ist natürlich sehr schön. Ebenso toll ist aber, dass die Mehrheit des Budgets von der Allgemeinheit kommt. So haben wir kein Problem mit irgendwelchen Abhängigkeiten und allfälligen Einflüssen. Die Neutralität ist oberstes Gebot.

Mit den Tablet-Computern und den Smartphones erobert eine neue Generation von elektronischen Geräten die Welt. Hat Wikipedia genügend Geld, um ihre Online-Enzyklopädie entsprechend anzupassen und weiterzuentwickeln?
Wales: Das braucht nicht viel Geld. Das Unglaubliche mit der neuen App-Welt ist, dass eine neue Generation von Software-Entwicklern heranreift, die entsprechende Programme schreibt. Wir sind in der glücklichen Lage, dass Wikipedia auf dem Safari-Browser des iPad einfach gut aussieht, sodass wir keine Apps brauchen. Auf dem iPhone gibt es eine Reihe von Apps, auf denen Wikipedia läuft.

In anderen Worten: Sie müssen nichts tun, denn die App-Entwickler arbeiten gratis für Sie.
Wales: Wir haben in der Stiftung jemanden angestellt, der die Entwicklung der mobilen Geräte beobachtet. Die nächste Milliarde Menschen wird über mobile Geräte aufs Internet zugreifen. Deshalb müssen wir diese wichtige Entwicklung sehr genau beobachten. Das fasziniert mich sehr.

Wikileaks macht derzeit Schlagzeilen mit den geheimen Dokumenten zum Krieg der USA in Irak und Afghanistan ?
Wales: Wikileaks hat überhaupt nichts mit uns zu tun.

Die Idee dahinter ist aber ähnlich: Einem breiten Publikum Informationen neutral und unzensuriert zugänglich zu machen.
Wales: Nein, überhaupt nicht. Unsere Philosophien liegen meilenweit auseinander. Uns geht es um das gemeinschaftliche Veröffentlichen von vertrauenswürdigen, hochqualitativen Informationen. Wenn Wikileaks nicht den Begriff «Wiki» im Namen hätte, würde niemand darauf kommen, dass sie etwas mit uns zu tun haben.

Aber sie heisst nun mal Wikileaks. Ist das ein Problem für Sie?
Wales: Ich weiss nicht, wie viele Leute wirklich denken, dass Wikipedia und Wikileaks etwas miteinander zu tun haben.

Haben Sie mit Wikileaks schon über die Verwechslungsgfahr gesprochen?
Wales: Ja – doch Wiki ist ein Ausdruck, den wir nicht schützen können. Er bestand schon, bevor es Wikipedia gab. Es ist ein stehender Begriff in der Computersprache.

Wären Sie froh, wenn Wikileaks den Namen ändern würde?
Wales: Das wäre grossartig! Doch wir können das nicht von den Machern verlangen.

Auch Google ist trotz grosszügiger Spende nicht eines Ihrer Lieblingsunternehmen. Sie haben versucht, mit einer eigenen Suchmaschine dem Internetriesen Konkurrenz zu machen. Sie sind grandios gescheitert.
Wales: Unsere Suchmaschine kam gut voran und funktionierte gut. Wir hätten aber zwei weitere Jahre gebraucht, um sie marktreif zu machen. Dazu fehlte uns das Geld. Und während der Finanzkrise war es unmöglich, dieses aufzutreiben. Das hat mich getroffen. Denn das Suchmaschinenprojekt war etwas, was mir sehr am Herzen lag. Wir beschlossen aber, uns auf die Wiki-Communities meiner kommerziellen Firma Wikia zu konzentrieren. Ich bin immer offen für Neues. Wer sagt Ihnen denn, dass wir Google nicht mit einem anderen Projekt angreifen werden?

Sie haben also Ideen?
Wales: Viele.

Dann erzählen Sie davon.
Wales: Bei Wikia beschäftigen wir uns sehr stark damit, wie wir unser Angebot einfacher noch zugänglicher machen können. Das Wiki zum Computerspiel World of Warcraft etwa hat 80 000 Artikel und vier bis fünf Millionen Besucher pro Monat. Wir wollen die Wikis noch attraktiver machen, damit noch mehr Besucher unsere Seiten nutzen. Schon jetzt kommen ganz neue Themen hinzu, etwa Rezeptsammlungen. Darauf konzentriere ich mich jetzt.

Was wollen Sie erreichen?
Wales: Wikia ist heute unter den 75 grössten Websites der Welt. Wir wollten unter die grössten 20 kommen.

Sie sind der Prototyp des Web-2.0-Unternehmers. Was wird Web 3.0 sein?
Wales: Internet 1.0 war sehr technologieorientiert. Einfach gesagt, konnte man mit Suchmaschinen viele Infos finden. Im Web 2.0 geht es darum, dass die Benutzer Inhalte beisteuern. Web 3.0 könnte die Kombination von Algorithmen und Nutzer-generierten Informationen sein.

Was heisst das konkret?
Wales: Ich sitze im Verwaltungsrat einer Firma namens Hunch. Dort versuchen wir, durch Befragungen von Benutzern ein umfassendes Bild davon zu bekommen, was die Person mag. Das kann dazu genutzt werden, um ihr massgeschneiderte Empfehlungen zu machen. Sie wären überrascht, wenn Sie wüssten, wie genau wir Ihre Wünsche aufgrund von zwanzig Fragen voraussagen können, die nicht direkt mit dem Thema zu tun haben.

Sie nennen das toll, aber vielen macht das ganz einfach Angst.
Wales: Vor ein paar Jahren fanden es Menschen unheimlich, wenn einem Amazon andere Bücher vorschlug, die man auch noch mögen könnte. Ich denke, heute wissen sie, dass das nicht gefährlich, sondern nützlich ist. Angst haben die Menschen davor, wenn ihre Daten missbraucht werden.

Zu Recht?
Wales: Ich denke, die Menschen sollten vorsichtiger sein. Wenn sie online sind, zeigen sie sich sehr unvorsichtig. Schauen Sie nur an, wie viele sehr private Infos öffentlich preisgegeben werden, etwa wenn Sie Facebook benutzen. Da müsste man mehr aufpassen. Offenbar interessiert das die Leute nicht, oder sie sind sich dessen nicht bewusst.

Schreiben Sie noch Wikipedia-Einträge?
Wales: Ja. In letzter Zeit beschäftige ich mich vor allem mit Biografien von Mitgliedern des britischen House of Lords. Das Thema interessiert mich. Zudem interessiert mich, wie wir qualitativ minderwertige Einträge herausfiltern können. Das House of Lords erscheint mir da ideal für Tests.

Machen Sie das auch mit Software?
Wales: Ja. Wir testen immer neue Möglichkeiten. Derzeit haben wir bei rund 1000 Einträgen im englischen Lexikon die Leser abstimmen lassen, um zu wissen, wie gut die Texte sind. Wir wollen nun sehen, ob wir so schlechte Einträge finden können.

Wikipedia wird immer grösser und als Informationsquelle wichtiger. Das Risiko steigt, dass Firmen Ihre Einträge frisieren.
Wales: Daran glaube ich überhaupt nicht. Denn das Einfügen von PR-Statements ist einer der sichersten Wege, sich zu blamieren. Denn wenn unsere Benutzer das herausfinden, werden die PR-Schreiber geblockt. Und wenn die Presse es herausfindet, dann ist der Imageschaden programmiert. Wir achten zwar darauf, aber es macht mir keine Sorgen.

Was ist denn Ihre grösste Sorge?
Wales: Ich bin eine pathologisch optimistische Person. Aber wenn ich jetzt wirklich Problemfelder nennen muss, dann muss ich sie nach Sprachen nennen. Im englischsprachigen Wikipedia ist es die Qualität. Wir haben eine grosse Menge an Artikeln, müssen aber die Qualität weiter erhöhen. Dafür müssen wir Wege finden. In anderen Sprachen geht es mehr darum, überhaupt erst Einträge zu bekommen. In Zulu etwa haben wir noch sehr wenige Artikel. Denn die Sprache wurde ursprünglich nur gesprochen, nicht geschrieben. Zudem ist die Analphabetenrate unter den Sprechenden hoch. Da sehen wir ein grosses Potenzial. Die Frage ist: Wollen wir eine Million neue Benutzer in den USA oder eine Million neue Besucher aus Südafrika, die Zulu sprechen? Für mich ist die Antwort klar ? Es ist die zweite Variante. Wir wollen eine freie Enzyklopädie für jedermann.

BISHER NOCH KEINE KOMMENTARE »