Kathrin Passig:
Tagtraum Flow Control
06. April 2010 | « Zurück | Vor »
Flow Control ist ein Tagtraum. So wie wir jeden IKEA-Besuch zum Anlass nehmen, ein besseres, aufgeräumteres Dasein voller Aufbewahrungslösungen zu imaginieren, so nutzen wir jede Gelegenheit, um von einem Zustand des beständigen Flow zu träumen. Ungerührt von den tausendfachen Ablenkungsmöglichkeiten gehen wir dann unserer eigentlichen Arbeit nach, erforschen das Wichtige, schreiben das Richtige, anstatt uns bei Twitter zu verzetteln, auf der Suche nach einem Synonym für “eigentlich” im Wikipediaeintrag über den Dreißigjährigen Krieg zu landen, und am Ende doch unverrichteter Dinge wieder ins Bett zu gehen.
Methoden zur Kontrolle des Flow sind wie Diäten: Es ist eine überzeugende Kraft, die von ihnen ausgeht, die einen sind illustriert mit Bildern ordentlicher Karteikartenkästchen oder leerer Inboxen, die anderen mit der bis zum Sommer anzustrebenden Bikinifigur. Aber während von Diäten mittlerweile – zumindest in der tagtraumfernen Theorie – allgemein bekannt ist, dass sie langfristig nicht funktionieren, bleibt der Glaube an die Kontrolle über das Arbeitsverhalten bis auf Weiteres ungebrochen. Es ist ja nicht schlecht eingerichtet, dass der Mensch in den Erstweltländern neuerdings nicht mehr hungern muss, und ebensowenig ist es verkehrt, dass ihm sehr viel mehr Optionen und Ablenkungsmöglichkeiten als früher zur Verfügung stehen. Wo man einst zwecks Unterhaltung auf einen einzigen Immerwährenden Heiligenkalender angewiesen war, kann man heute das halbe Internet durchlesen und hat in der Regel mangels 18-Stunden-Tag im Kohlebergbau auch Zeit dazu. Auch scharfe Kritiker von Nahrungs- und Informationsüberfluss wünschen sich nicht in die Zeiten echten Mangels zurück. Wie bei anderen Nachteilen, die der Fortschritt bisher so mit sich gebracht hat, wird man sich vermutlich eines Tages an die neue Situation gewöhnen und bis dahin viel Zeit mit dem Veröffentlichen ganz einfacher und zuverlässig funktionierender Lösungen in nur drei narrensicheren Schritten zubringen.
Für mein Blog zu “Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin” unter prokrastination.com notiere ich jeden Tag Links zu frisch veröffentlichten Lösungen des Flow-Problems (über die ich dann aus Prokrastinationsgründen niemals blogge). Etwas Neues ist in den so gesammelten Blogbeiträgen und Zeitungsartikeln selten zu finden. In den meisten Fällen geht es um das mechanische Ausschalten von Ablenkungen oder um hoffnungsfroh kolportierte Ergebnisse aus der empirischen Sozialforschung, die eine Trainierbarkeit der Selbstkontrolle versprechen. Gegen die künstliche Abschottung spricht, was der Programmierer Jonathan Tang in einem “Hacker News”-Kommentar beschreibt: “Die Gewohnheiten passen sich einfach der neuen Situation an. Ich mache jedes Jahr 2-3 Wochen Urlaub im Sommerhaus meiner Eltern, wo es keinen Internetzugang gibt, keinen Handyempfang, nicht mal ein Tastentelefon. Die ersten drei Tage bin ich sehr produktiv, und dann spiele ich sehr viel Minesweeper. Ohne den Umgebungswechsel ist der Effekt noch kurzlebiger. (…) Eine Ablenkung verschwindet nie, ohne dass man eine andere Ablenkung findet, die sie ersetzt.” Und dass sich Selbstkontrolle wie ein Muskel trainieren lässt, hat sich zwar bisher in einer Handvoll Studien zeigen lassen; ob dieser Trainingseffekt sich von einem Bereich auf einen anderen übertragen lässt oder ob er über die Dauer einer handelsüblichen Studie hinaus (also wenige Wochen) erhalten bleibt, ist aber weiterhin unbekannt. Die Menge der täglich veröffentlichten “Es ist ganz einfach, man muss nur”-Meldungen steht in keinem Verhältnis zur Menge des tatsächlich Berichtenswertem und Neuem aus der Welt des Flow Control.
Das hat vermutlich damit zu tun, dass es keine Lösungen gibt. Es gibt nur ein Leben zwischen Pfusch, Scheitern, Wirrnis, Ablenkungen und Gewohnheiten, in dem in seltenen Momenten etwas gelingen kann. Aus diesem vereinzelten Gelingen konstruieren wir ein Leben, in dem die Ausnahme zur Regel wird. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange wir den Tagtraum als solchen begreifen und nicht tatsächlich mit Kauf des Brigittehefts die Traumfigur zu erwerben glauben, und mit dem “Getting Things Done”-Buch oder der Installation neuer To-Do-Listensoftware den Sieg über das Flow-Problem. Im englischsprachigen Raum gibt es für Lektüre, die zu dieser hoffnungsvollen, aber realitätsentrückten Beschäftigung mit dem Thema anstiftet, den schönen Begriff “Productivity Porn”.
Nüchtern betrachtet ist nicht viel mehr zu schaffen als hin und wieder ein winziger, ehrgeizloser Schritt. Das neue Leben, das wir uns ausmalen, muss mindestens so angenehm sein wie das alte, von dem wir uns dafür trennen sollen, wenn der Hauch einer Chance auf Veränderung bestehen soll. Und der Körper in seinem Korsett aus Gewohnheiten und äußeren Bedingungen lässt sich nicht gern zu mehr als ein, zwei kleinen Veränderungen pro Monat bewegen. Das spricht gegen reine Knäckebrotdiäten ebenso wie gegen die meisten Techniken im Umgang mit der Ablenkung. Großangelegte Pläne (“ab sofort täglich joggen gehen, nie mehr Schokolade, alle Spiele von der Festplatte löschen”) eignen sich zwar gut, um die Freunde damit zu beeindrucken, aber weniger gut, wenn man tatsächlich dauerhaft etwas bewerkstelligen möchte. Winzige, ehrgeizlose Schritte hingegen geben als Thema für Blogbeiträge und Nachrichten wiederum nicht viel her.
Worüber man nicht bloggen kann, darüber soll man schweigen. “Schweigen wir also über Flow Control”, würde ich an dieser Stelle fordern, wenn ich nicht selbst bereits ein Buch darüber geschrieben hätte und Prof. Peter Wippermann und die Leser dieses Beitrags im September keinen Trendtag zum Thema “Flow Control” im Kalender stehen hätten. Vielleicht gehört zu dem, was wir nicht vollständig unter Kontrolle haben, auch das Reden über Flow Control. Am besten ist es unter diesen Bedingungen vermutlich, keinen Widerstand zu leisten. Wir brauchen unsere Energie schließlich für wichtigere Dinge, zum Beispiel das Sichten von Fotos niedlicher Katzen.
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Kathrin Passig, Jahrgang 1970, ist Mitbegründerin des Berliner Netzwerks Zentrale Intelligenz Agentur (ZIA) und Redakteurin des 2006 mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichneten Autoren-Blogs Riesenmaschine. 2008 schreibt die Bachmann-Preisträgerin zusammen mit Sascha Lobo den Leitfaden zur erfolgreichen Prokrastination Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin.
In ihrem erhellenden Beitrag Standardsituationen der Technologiekritik setzt sich Passig mit den immer wiederkehrenden reflexartigen Reaktionen gegenüber technischen Neuerungen auseinander.
Und auch in ihrem neuen Buch (zusammen mit Aleks Scholz, 2010) Verirren: Eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene geht es u.a. um den Nutzen und die Wirkung neuer Technologien wie GPS und Google Maps sowie der dahinterliegenden Sehnsucht nach Orientierung: Demnach ist das bewusste Verirren zwar risikoreicher, dafür aber oftmals intensiver und unterhaltsamer als der geplante Weg. Das Buch ist somit auch ein Plädoyer für das konzentrierte Jetzt und Hier - für einen Zustand des Flows.
Kathrin Passig twittert unter @kathrinpassig.

Da war ich schon so begeistert über den Beitrag von Kathrin Passig, lese overflowed den letzten Absatz an “Worüber man nicht bloggen kann, darüber soll man schweigen” und dann dies “………wenn ich nicht selbst bereits ein Buch darüber geschrieben hätte…”
Was nun? Ich denke, jeder ist mal in der Lage und braucht das Geld…. und wenn es nur wieder mal “ein winziger, ehrgeizloser Schritt” war geht das schon in Ordnung.
Und ich bin immer noch begeistert über diesen Beitrag.