Marc Schwieger:
Offen für das “und”
16. April 2010 | « Zurück | Vor »
1. Mission Selbstbestimmung
Es ist mal wieder zu viel geworden. Zu viele Informationen, zu viele Nachrichten, die alle wollen, dass wir uns nach ihnen richten. Das System hat die Kontrolle übernommen. Wir haben das Gefühl fremdbestimmt zu agieren und mit der ständigen Inanspruchnahme unseres Gehirns durch andere ein Problem. Jetzt heißt es: Selbstbestimmung statt Systemkontrolle. Unser Ziel ist, die eigene Autonomie wiederzuerlangen und die Autarkie unseres vernetzten Seins zurückzuerobern.
Bevor ich aber meine persönlichen Strategien zum Umgang mit dem Flow und seiner Kontrolle verrate, versuche ich zu skizzieren, in welchem Kontext ich diese Diskussion spannend finde. Und für alle, die keine Geduld haben, sei hier schon mal eine Andeutung gemacht, was Flow Control für mich ausmacht. „Wenn überall Glatteis ist, muss man rutschen“ sagte mein Vater immer.
2. Zur Trennung von äußerer und innerer Information
Wir leben in der Vorstellung, Informationen seien etwas Äußerliches, wir müssen sie uns besorgen, nach ihnen suchen, sie entdecken und dann verarbeiten; quasi verdauen. Und wenn es zu viele sind, dann kann uns auch schlecht werden, dann haben wir einen Information-Overflow, dann ist die Festplatte voll und der Burn-out droht (aber zum Glück kann man ja darüber wieder ein Buch schreiben). Oder aber wir gehen ins Kloster, träumen von innerer Ruhe, machen Yoga und dabei das iPhone aus; und das obwohl es dafür wunderschöne Yoga-Programme gibt.
In uns sind die guten Informationen, deswegen schauen wir auch nach innen. Wir achten auf uns, nehmen uns mal wieder ernst. Wir folgen Ratschlägen wie „mach einen Termin mit Dir selbst“ und ähnlich ärmlichen Versuchen, die Verdinglichung unseres Selbst mit der Outlook-Logik zu bekämpfen. Außen lauern dagegen die bösen Informationen, die uns ablenken von unseren inneren Wahrheiten. Diese Informationen bedrängen uns, wir werden unrein.
Die Grenze zwischen außen und innen verschwimmt. Die aktuell viel diskutierte Augmented Reality, also die Ergänzung der Wirklichkeit durch Information-Layer, legt sich über unser Bild von Wirklichkeit. Neu ist dies nicht, in uns findet diese angereicherte und aufgemotzte Realität schon seit jeher statt.
Vernetzte Informationsbrocken verklumpen sich zu Gedanken und scheinbar willkürliche Verknüpfungen tauchen im Netz auf wie überraschende Assoziationen im unserem Kopf. Es hagelt Déjà-vus und Ähnlichkeiten, wir suchen nach ordnenden Mustern. Mittlerweile sind wir, die wir uns intensiv im Netz bewegen, auf dem erkenntnistheoretischem Niveau von Atomphysikern angekommen: wir können nicht mehr so richtig folgen, machen aber weiter. Und das ist ganz schön anstrengend.
3. Informationen sind Rohstoff und Werkzeug zugleich
Schon im Jahr 1930 beschreibt Sigmund Freud die Situation wie folgt: Der Mensch als Prothesen-Gott vergrößert sich selbst durch von ihm geschaffene Werkzeuge. Freud findet dafür eine Überschrift, die auch heute als Zusammenfassung des gesamten „Oh Gott, was kommt da durch die neuen Medien auf uns zu“-Diskurses funktioniert: „Das Unbehagen in der Kultur.“
Allerdings lagen diese Prothesen, die Werkzeuge früherer Epochen, außerhalb unseres Selbst. Es war einfacher sie außen vor zu lassen. Das Bild dazu: Wenn unsere Vorfahren in der guten Stube saßen, blieben Hammer und Sichel in der Werkstatt. Der Rechner und das Mobiltelefon schaffen es gar bis ins Bett – und das iPad ist geradezu gemacht für Sofa und Schlafzimmer.
Diese ständige Verfügbarkeit von Informationen und die intensive Vernetzung erleben wir als faszinierende Mischung aus Bedrohung und kognitiver Erweiterung. Dabei sind sie vor allem eins: eine gigantische äußere Metapher für unser Inneres. Denn Informationen sind Rohstoff und Werkzeug zugleich.
Um uns herum sind nicht mehr nur die Werkzeuge der Vormoderne, die als physische Objekte greifbar sind, als Spaten in die Erde gerammt oder als Korkenzieher in die Weinflasche gedreht werden. Um uns herum sind die Gedanken aller, die sich in den sozialen Netzwerken äußern, die twittern oder posten, die Facebook nutzen oder Foursquare einsetzen, um sich mitzuteilen. Ihre Mitteilungen sind banal, eindimensional, erwartbar und gerade deswegen immer relevant.
4. Nicht die Information, die Verknüpfung schafft den Wert
Die apokalyptische Debatte nach dem Schirrmacher-Prinzip „Ich bin schlau, du bist es nicht“ greift nicht. Denn was den im 19. Jahrhundert Steckengebliebenen überfordert, ist für die meisten, die sich in diesem Universum bewegen, kein Problem. Es ist fast so, als hätten die Nutzer verstanden, was die selbst ernannten Aufpasser nicht verstehen wollen: der Wert der Information liegt in der Verknüpfung mehr als in ihrem Inhalt. Der Sprechakt, also die menschliche Kontaktaufnahme als Botschaft verpackt, der Wunsch gehört zu werden, hat im Link seinen machtvollen Ausdruck gefunden. Der Link – die Verbindung ist die Botschaft. Ihr Inhalt ist oftmals zweitrangig. Das ist für diejenigen schwer zu akzeptieren, die von Wert und Wichtigkeit ihrer Botschaft ganz besonders überzeugt sind. Journalisten gehören genauso dazu wie Werber.
Unter Veränderungen leiden besonders die, die nicht mitgestalten können. Und die aktuellen Veränderungen hin zu einer sozial vernetzten Gesellschaft sind immens: von den Zumutungen des ständigen Online-Seins und der 24/7 Erreichbarkeit bis hin zu einem unzureichend geklärten Verhältnis von privat und öffentlich. Diese Veränderungen sind für Menschen meines Jahrgangs nicht immer einfach zu verstehen. Stern.de spricht selbstmitleidig von der „Facebook-Kluft“, die wir die Über-40Jährigen nicht mehr überwinden können. Aber ist larmoyante Selbstaufgabe wirklich der einzige Weg aus diesem Dilemma?
5. Vom Vorteil des Schlitterns
„Wenn überall Glatteis ist, muss man rutschen“. Diese Erkenntnis hilft und zwar aus mehreren Gründen. Sie bedeutet das Unsichere zu akzeptieren, das Gefährliche zu sehen und all dem mit Spaß zu begegnen. Wie Kinder, die im Glatteis nicht die Gefahr für Leib und Seele, oder schlimmer noch, fürs Auto sehen, sondern die Möglichkeit zu schlittern. Rutschen ist die lustvollste Art, mit glattem Terrain umzugehen. Und schlittern bedeutet, schneller voranzukommen. Wesentlich schneller als sich langsam vorzutasten, aber auch schneller als zu Zeiten ohne Eis auf den Wegen. Und das wiederum ist äußerst spannend – gerade in Zeiten des Umbruchs.
Die Kommunikationsbranche ist derzeit in einem unglaublichen Umbruch: Sicher geglaubte Wege, Geld zu verdienen und Ruhm zu erlangen, sind rutschig geworden.
Ich habe mich entschieden zu schlittern. Ich habe mich auf Facebook und Twitter gestürzt, habe mir sagen lassen, was man da tut und was nicht. Habe in meinem Blog darüber geschrieben. Ich probiere jede neue Form der Vernetzung aus, mindestens so lange bis ich sie verstanden habe. Ich akzeptiere, wenn ich – wie bei Google Wave – damit nicht klarkomme und sehe neue Geschäftsmodelle, wo andere noch den Untergang der alten beweinen. Mein Flow akzeptiert die Unsicherheit als Bedingung für Neues. Ich halte mögliches Scheitern in erster Linie für eine Möglichkeit der Erkenntnis (wobei ich natürlich Erkenntnis ohne Scheitern definitiv bevorzuge). Ich organisiere mich mit einer kontrollierten Unschärfe: Ich ahne, was ich wissen will und probiere aus, ob es interessant ist.
Der Lerneffekt ist unglaublich und beruht auf einer simplen Erkenntnis: Da draußen sind viele spannende Gedanken und ich habe die Möglichkeit, sie mitzudenken. Zwar ist mein Gehirn zu klein für all die interessanten Gedanken, aber ich bin ja nicht allein – ich bin vernetzt.
6. Offen für das „und“
Eine logische Konsequenz dieser Entwicklung: Ich habe mich selbstständig gemacht mit einer Agentur, die das Offene bereits im Namen trägt „undSchwieger“. Das „und“ als Prinzip macht die Verknüpfung zum Thema, den „Link“ zur Methode.
Die Erkenntnis, ohne die Bereitschaft zum Schlittern nicht voran zu kommen, stand bei der Gründung genauso Pate, wie das Wissen, dass wir den Herausforderungen der wachsenden Vernetzungen nur in vernetzten Systemen begegnen können. Und mit Offenheit. Die prinzipielle Offenheit, mit der wir unseren Aufgaben herangehen, bedeutete dabei auch, dass wir anfangs noch gar nicht wussten, welches unsere Aufgaben sein werden.
Diese Bereitschaft entspricht im Kern der Veränderung, die die Kommunikationsbranche derzeit erlebt. Es ist eine Befreiung der Kreativität aus der Herrschaft der „Kreativen“. Wer sich selbst als Kreativer zurücknimmt und so den Blick öffnet für die Kreativität der anderen, der Menschen, der Verbraucher und Vernetzer, wird zu einem besseren Gestalter. Denn er gestaltet den Raum, in dem andere aktiv werden können. Er empfindet die Vielzahl der Stimmen nicht als Bedrohung seiner eigenen Durchsetzungsfähigkeit, sondern weiß, dass er durch Zuhören mehr erreicht als durch Lautsein.
Es ist der Perspektivenwechsel im Verständnis von Kreativität, der in sozial vernetzten Zeiten den Unterschied macht. In einer Diskussion an der Willem de Kooning Academie in Rotterdam, Hollands renommierteste Kunsthochschule für Kunst und Kommunikation, habe ich im Rahmen eines Forschungsauftrages versucht, das Ganze in einem Satz zusammenzufassen: „If everybody is an artist, you better own the gallery“.
Ohne die Bereitschaft zu Schlittern, ohne den Flow zu akzeptieren und dadurch zu kontrollieren, wäre ich ob dieser Erkenntnis wahrscheinlich frustriert. Jetzt bin ich gespannt.
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Marc Schwieger arbeitet seit 20 Jahren in der Medienbranche und als Journalist. Bis 2009 war er als International Creative Director, Geschäftsführer und Partner der Werbeagentur Scholz & Friends aktiv.
Ende 2009 gründete er die undSchwieger GmbH – Agentur für Inspiration, Innovation und Kommunikation. Als Partner im diligenZ Network mit Büros in Hamburg und Düsseldorf entwickelt er Kommunikationsstrategien und digitale Geschäftsmodelle für Unternehmen.
Marc Schwieger lehrt als Research Fellow an der Willem de Kooning Academie, Rotterdam zum Thema „Communication in a Digital Age” und bloggt auf Inspirationsgesellschaft.de.

Danke sehr aufschlussreich. So bringe ich es auf den Punkt.
“der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht”
Warum sollte ich zum Brunnen gehen, wenn ich an der Quelle sitze, bzw. die Quelle bin?
Lass die Anderen glänzen!
[...] Marc Schwieger: Offen für das “und” "Schon im Jahr 1930 beschreibt Sigmund Freud die Situation wie folgt: Der Mensch als Prothesen-Gott vergrößert sich selbst durch von ihm geschaffene Werkzeuge. Freud findet dafür eine Überschrift, die auch heute als Zusammenfassung des gesamten „Oh Gott, was kommt da durch die neuen Medien auf uns zu“-Diskurses funktioniert: „Das Unbehagen in der Kultur.“" Diese Bereitschaft entspricht im Kern der Veränderung, die die Kommunikationsbranche derzeit erlebt. Es ist eine Befreiung der Kreativität aus der Herrschaft der „Kreativen“. "Wer sich selbst als Kreativer zurücknimmt und so den Blick öffnet für die Kreativität der anderen, der Menschen, der Verbraucher und Vernetzer, wird zu einem besseren Gestalter." „If everybody is an artist, you better own the gallery“. [...]
Sorry, aber ich lese hier wieder mal nur Allgemeinplätze über Veränderung. Entschuldigung, aber das sich die Kommunikationsbranche und unser soziales Miteinander umbricht, höre ich seit 15 Jahren.
Und als Konsequenz erkenne ich zum x-ten Male: Ich bin vernetzt, du bist vernetzt….. wir sind vernetzt – aber und das ist jetzt typisch für den Beitrag von Marc Schwieger, aber, wir haben uns nichts zu sagen. Denn, wie steht es geschrieben? “Der Link ist die Botschaft, ihr Inhalt ist oftmals zweitrangig” Das ist in der Tat schwer zu akzeptieren.
Der Schluß weist aus meiner Sicht auf die Verzweiflung eines Beraters, der im Regen der Einzelinteressen steht…. Der Fachmann als Jäger und Sammler – auch nicht schlecht.
Der letzte Satz ist natürlich genial “If everybody is an artist, you better own the gallery”. Das heißt, die Idee ist immer noch die gleiche……..