Prof. Norbert Bolz:
“Es geht um Spaß an der Komplexität”

Das Thema des 15. Deutschen Trendtags lautet „Flow Control“. Was sind die Eckpunkte dieses Konzepts?

Das Grundproblem ist, dass in der modernen Welt Stabilität nicht mehr durch feste Strukturen erreicht werden kann, sondern nur in dynamischen Formen. Der „Flow“, der Fluss, wird zum Normalzustand. Es gibt nur noch dynamische Stabilität. Das wird einen neuen Lebensstil erforderlich machen, um erfolgreich zu sein. Wir müssen lernen, mit einem nie abreißenden Strom von Informationen und Optionen umzugehen. Das gilt bei genauerer Betrachtung genauso für Geldflüsse wie für die Karrieren der einzelnen Menschen oder für die Zusammensetzung unserer Lebensgeschichten. All das entfernt sich immer weiter von selbstverständlichen, festen Strukturen.

Das Konzept des „Flows“ wurde bereits in den 1980ern durch Mihaly Csikszentmihalyi bekannt. Welche Rolle spielt es in Ihren aktuellen Überlegungen?

Das große Verdienst dieser psychologischen Arbeit ist, zu zeigen, dass „im Fluss zu sein“ keine Bedrohung ist, sondern der eigentliche Glückszustand. Als Beispiel könnte man den Workaholic heranziehen, den man sich nicht als Süchtigen, sondern als glücklichen Menschen vorstellen kann. Als jemanden, für den es überhaupt keinen Unterschied mehr gibt zwischen Arbeit, Freizeit, Muße und Selbstverwirklichung. Er schwimmt praktisch in einer ununterbrochenen Welle. Für ihn bedeutet das keine Belastung, sondern Lust. Ziel ist, Selbstverwirklichung nicht auf den Feierabend zu verschieben, sondern dass praktisch die ganze Existenz in einer solchen Fließbewegung erlebt wird.

Was verleiht einem Menschen die Fähigkeit, Glück statt Überforderung zu erleben?

Im Wesentlichen geht es um das Vermögen, mit Unvorhersehbarkeit umgehen zu können. Man kann prinzipiell nicht voraussagen, wie sich die Dinge oder das eigene berufliche Schicksal entwickeln. Aber eines ist auf alle Fälle klar: Egal, was kommt, man muss reaktionsfähig sein. Sicherheit entsteht nicht mehr von außen, sie muss von innen kommen – als eigene Reaktionsfähigkeit oder Geis­tesgegenwart. Man könnte auch sagen, es geht darum, Spaß an der Komplexität zu haben. Es gibt Leute, die Angst vor der Komplexität haben. Sie wollen alles vereinfachen, sie leben nach der Devise „Simplify your Life“. Und dann gibt es Menschen, die Komplexität als Chance sehen, neugierig werden, ein Rätsel lösen wollen. Das ist der große Mentalitätsunterschied.

Wie wird das in der Praxis umgesetzt?

In der Tat setzt das vieles voraus. Natürlich eine gewisse Ausbildung und Bildung. Dann ist ein großes Maß an Sozialität, also eine Lust an der Geselligkeit, notwendig. Man muss auch eine Art „Gadgetlover“ sein, also Spaß an den Kommunikationstechnologien selbst haben. „To work the network“, am Netzwerk selbst mitarbeiten – wenn man das gern macht und auch kann, hat man alle Chancen, zu den glücklichen Workaholics zu gehören. Und es bedeutet, die eigenen Ziele zu verfolgen, nicht das zu machen, was andere vorschreiben. Wer sich auf das konzentriert, was er mit Leidenschaft macht, empfindet auch keine Überlastung. Letztlich heißt das, zu einer Ich-AG zu werden, um ein früheres Trendtagsthema zu zitieren.


Der gekonnte Umgang mit Unsicherheiten ist also zentral. Nun haben Sie einmal den Deutschen genau darin eine mangelnde Begabung attestiert. Warum ist das so?

In Deutschland ist das Sicherheitsdenken historisch sehr stark verankert. Wir haben eine ungebrochene Tradition von Bismarcks Sozialgesetzgebung bis zu Hartz IV. Deutschland ist das Land ohne Revolution. Das bedeutet, dass die Deutschen für ihr „politisches Wohlverhalten“ erwarten, dass der Staat als sorgender Vater für sie da ist – egal, was im Leben geschieht. Dieser paternalistische Geist ist sicher der größte Feind der Zukunftsfähigkeit, den es überhaupt gibt.

Welche Kulturen können das besser?

Als Kontrastbeispiel liegt natürlich die nordamerikanische auf der Hand. Auch da gibt es eine lange Tradition. Die Eckpfeiler sind zum einen der Pioniergeist und zum anderen die Fehlerkultur. Die Amerikaner leben eine Vorstellung von Selbstverwirklichung, die individualistisch und mit der Eroberung des Neuen verknüpft ist. Dazu kommt ein unzerstörbarer Optimismus in die technische Verbesserbarkeit der Welt. Auf der anderen Seite stehen die Fehlerfreundlichkeit der amerikanischen Kultur und der Glaube, dass Irrtümer zur Evolution dazu gehören. Man verwendet Risiko als positiv besetzten Begriff – als anderen Namen für Chance oder produktive Freiheit. Dieses „Unternehmermoment“ – wie es Schumpeter bezeichnet hat – fehlt den Deutschen am meisten.

In Ihrem Artikel beschreiben Sie, dass heute nur mehr „vorübergehende Gewissheiten“ gelten. Deshalb ergebe es auch keinen Sinn mehr, sich in Vertiefung und Genauigkeit zu üben. Effizienz und Geschwindigkeit würden viel wichtiger. Wie passt dieses Prinzip des „gut genug“ mit einem Anspruch an besondere Qualität, an Exzellenz, zusammen?

Das ist eben genau die Frage: Was versteht man unter Exzellenz? Ich würde dem Begriff der Exzellenz nicht Perfektion oder Optimierung zuordnen. „Flow“ heißt, dass Geschwindigkeit oft wichtiger ist als Qualität. In einer modernen Gesellschaft ist die Orientierung an dem, was gut genug ist, rationaler als die Orientierung am Perfekten. Und zwar, weil nur dann die erforderlichen Geschwindigkeiten erreicht werden können und damit die Rechtzeitigkeit von Innovationen, Ideen und Handlungen. Insofern bedeutet das für mich in keinster Weise einen Widerspruch, sondern ganz im Gegenteil: Exzellenz besteht gerade darin, zu sehen, was nötig ist.

Exzellenz wird zum Notwendigen zum richtigen Zeitpunkt?

Es geht heute in erster Linie darum, frühzeitig einen Output zu produzieren. Heute hat alles einen Zeitindex. Jemand, der den Zeitindex einer Sache erfassen will – Wann muss ich was erbringen? Wie lang kann ich noch warten? –, der muss Geistesgegenwart besitzen. Geistesgegenwärtig können nur Leute sein, die selbst im Fluss sind. Früher hat man mit einer ähnlichen Metapher vom „Surfen“ gesprochen. Zum Surfen auf der Welle genügt es nicht, ein Buch „Wie surfe ich richtig?“ zu lesen. Man braucht auch Geschicklichkeit und Körperbeherrschung.

Dann geht es heute eher ums Surfen und nicht ums Tauchen?

Ja, genau – aber wenn es nicht mehr weitergeht, muss man auch mal tauchen, aber eben zum richtigen Zeitpunkt. Man muss wissen, wann man mit der vorhandenen Information nicht mehr weiterkommt und wann es sich lohnt, weitere Informationen zu suchen.

Früher hat man analysiert und gefiltert und dann das fertige Ergebnis der Welt präsentiert. Heute präsentiert man der Welt alles Mögliche und nutzt die Filtertechniken des Internets, um danach an der Qualität zu arbeiten. Das ist der große Unterschied. Um etwas auf den Markt zu bringen, um eine Idee auszuprobieren, genügt, dass sie gut genug ist. Ich muss sie nicht perfektionieren, bevor ich sie der Öffentlichkeit vorstelle. Es gibt so viele Filtertechniken dort draußen, dass wir das Verhältnis von Filterung und Veröffentlichung auf den Kopf stellen können. Also: erst veröffentlichen, dann filtern.

Gleichzeitig sehnen sich aber sehr viele Menschen danach, sich wieder in etwas vertiefen zu können, anstatt tausend Dinge oberflächlich tun zu müssen.

Wer das Surfen – „Flow Control“ – nicht schafft, ist überfordert und braucht einen Ausgleich, eine Wiedergutmachung für die Seele. Und da gibt es eben Rückzugsgebiete. Man weiß, was zu tun ist. Es funktioniert, man sieht den Erfolg vor sich. Das ist alles wunderbar, aber es ist halt nicht zeitgemäß. Es passt einfach nicht mehr in unsere Welt. Ich persönlich gehöre ja auch zu den Leuten, die sich darauf freuen, jeden Freitag den Rasen zu mähen. Das ist auch etwas unglaublich Handfestes, trotzdem ist es rein kompensatorisch. Wenn ich nur machen könnte, was ich leidenschaftlich gern mache, dann bin ich ziemlich sicher, dass es solcher Fluchtbewegungen ins Handwerkliche eigentlich nicht mehr bedürfte.

Wie lässt sich denn angesichts der zunehmenden Vernetztheit der entscheidende Faktor der souveränen Kontrolle – sei es als Surfer oder als Unternehmer – über das eigene Leben aufrechterhalten?

Souveräne Kontrolle kann in Zukunft nur noch heißen, dass man bereit ist, sich auch kontrollieren zu lassen. Das wird besonders deutlich am Begriff der Autonomie. Autonomie heißt ja gerade nicht Autarkie. Es geht nicht um die Maximierung der Unabhängigkeit von der Welt, sondern im Gegenteil: Je mehr ich mich von Leistungen anderer abhängig mache, umso autonomer werde ich. Denn nur dann bin ich in der Lage, meine ganze Kraft dem zu widmen, worin ich wirklich gut bin. Wenn ich mich um jeden Mist kümmern muss, nur um autark zu sein, hab ich gar keine Energie mehr, das zu machen, was ich wirklich toll könnte. Souveränität zeigt sich darin, dass man die Art, in der man abhängig ist, selbst bestimmt.

Fazit:
Souveränität zeigt sich darin, die Art der Abhängigkeit selbst zu bestimmen.
Exzellenz besteht darin, das Notwendige zu erkennen.

Sicherheit muss von innen kommen – als eigene Reaktionsfähigkeit.

Das Interview führte Maria Angerer

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